Wie entwickelt sich eine Glücksspielsucht?

Oft entwickelt sich eine Glücksspielsucht zunächst unauffällig. Weder die Spielenden noch die Angehörigen sehen es kommen. Häufig merken Spielsüchtige zu spät, dass ihr Spielverhalten Probleme mit sich bringt. Je früher die Abhängigkeit von Glücksspielen erkannt wird, desto besser sind die Behandlungschancen in Form einer Therapie.

Drei Stadien:
Der Übergang von einem Glücksspielverhalten mit Spasscharakter zu problematischem Glücksspielverhalten bis hin zur Abhängigkeit ist fliessend und entwickelt sich häufig über Jahre hinweg.

  • Im ersten Stadium faszinieren positive Effekte (Nervenkitzel, Euphorie,...) durch das Glücksspielen
  • Im zweiten Stadium wird das Glücksspielen an Automaten, Roulette usw. für den/die Betroffene(n) immer mehr eine Gewohnheit beziehungsweise Leidenschaft, die immer regelmässiger und exzessiver ausgeübt wird.
  • Im dritten Stadium ist das Spiel zur Sucht geworden. Es ist dominanter Lebensinhalt des Spielenden. Das - nun wie ein Zwang anmutende - Glücksspielen ist zunehmend mehr zum obersten Daseinswert geworden und wird nur noch als negativ empfunden.

Kurzer Dokumentarfilm zur Glücksspielsucht

Ismail geht als 25-Jähriger zum ersten Mal in ein Casino - hauptsächlich aus Neugier - und gewinnt. Das ist 20 Jahre her. Dazwischen liegt seine persönliche Glücksspielgeschichte.

https://www.youtube.com/watch?v=kP-4EB23PRY

Mehr Informationen zur Suchtentwicklung:

1. Positiver Anfang
Die ersten Erfahrungen mit Glücksspielen finden oft eher zufällig in der Freizeit statt. Grössere oder mehrere kleinere Gewinne führen erst einmal zu positiven Gefühlen. Über 75% der Spielsüchtigen haben am Anfang ihres Glücksspielverhaltens gewonnen. Gewinne werden als persönliche „Erfolgserlebnisse“ bewertet, immer stärkere Gewinn-Erwartungen entwickeln sich. Es werden noch höhere Beträge gesetzt, um mehr zu gewinnen. Die Risikobereitschaft wächst.

2. Kritische Gewöhnung
Allmählich wird das Spielen intensiver und häufiger. Die Gedanken, wann und wie das nächste Mal wieder gespielt werden kann, beherrschen die Spielenden. Das inzwischen leidenschaftliche Spielen führt dazu, dass mehr Geld verloren als gewonnen wird.
Das Glücksspiel wird auch eingesetzt, um z.B. innere Unruhe, Angespanntheit oder den „grauen Alltag“ zu vergessen. Die betroffenen Personen beginnen damit, ihr häufiges Spielen zu verheimlichen und fangen an, sich Geld zu leihen. Es kommt zu Problemen in vielen Lebensbereichen, z.B. am Arbeitsplatz oder in der Familie.

3. Sucht
Der zwanghafte Drang zu spielen führt zu wiederholtem finanziellen Totalverlust. Alle finanziellen Mittel werden eingesetzt und verloren, die Betroffenen sind getrieben von der falschen Überzeugung, die Verluste wieder zurück zu gewinnen. Um ihre häufige Abwesenheit (von Zuhause oder der Arbeit) oder ihre Geldprobleme zu erklären, erfinden Glücksspielsüchtige oft Lügen. Das Spielen hat eine Eigendynamik entwickelt. Die Spielenden fühlen sich wie ferngesteuert, haben die Kontrolle verloren und befinden sich in einer Abhängigkeit zum Glücksspiel. „Pathologische (= krankhafte) Glücksspieler- und Spielerinnen“ versprechen sich selbst und anderen immer wieder, mit dem Spielen aufzuhören. Daran scheitern sie oft, was zu Selbstverachtung und Verzweiflung führen kann. Die finanzielle Katastrophe lässt sich häufig kaum mehr vor Familie und Freunden verbergen, geschweige denn aufhalten. Eine Beratung kann an dieser Stelle helfen, die Glücksspielsucht und die damit verbundene Abhängigkeit vom Glücksspiel zu bekämpfen.

(Quelle DHS)

Warum auch Verhaltensweisen süchtig machen können

Verfestigen von Verhaltensweisen
Je häufiger ein Verhalten ausgeführt wird, desto mehr festigen sich die neuronalen Netzwerke im Gehirn. Sind diese mit positiven Emotionen gekoppelt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dieses Verhalten erneut auszuführen. Auch Reize rund um das Verhalten (bspw. blinkende Automaten) werden abgespeichert. Diese lösen automatisch die Lust zu Spielen aus. Für Personen mit einem Spielproblem kann es daher grosse Willenskraft kosten, an einem Casino vorbei zu gehen oder beim Surfen im Internet keine Glücksspiel-Webseite aufzurufen, um zu spielen.


Ausschüttung von Glückshormonen
Dopamin ("Glückshormon") ist der Belohnungs-Botenstoff. Er wird vom Körper bei positiven Erlebnissen ausgeschüttet (bspw. feines Essen, ein schöner Abend mit Freunden, Sex usw.). Auch bei einem Glücksspiel-Gewinn wird Dopamin ausgeschüttet und löst Zufriedenheit und Freude aus. Dieses Erlebnis möchte man wiederholen und spielt weiter. Irgendwann lösen bereits die Erwartung eines Gewinns und Glücksspiel-Umgebungsreize eine Aktivierung des Belohnungszentrums aus.

Mit der Zeit verlieren die positiven Effekte im Gehirn jedoch an Wirkung. Das Belohnungssystem stumpft ab. Um denselben Effekt zu erreichen, muss intensiver gespielt werden. So geht man höhere Risiken ein oder muss mehr Zeit investieren, um das frühere Glücksgefühl erneut zu erreichen. Bei Spielsüchtigen verliert die erlebte Belohnung durch Gewinne immer mehr an Reiz, die empfundene Belohnung wird nun durch das Spielen selbst und durch die Erwartung eines Gewinns in Gang gesetzt.

Das Lustzentrum im Gehirn spielt auch bei Substanzkonsum eine Rolle: Diese greifen in unterschiedlicher Weise in das Lustzentrum ein und bewirken, dass dieses stärker und länger aktiviert wird. Normale glücksauslösende Erlebnisse mit geringerer Aktvierung werden im Vergleich zur Wirkung der Substanz unattraktiver. Gleichzeitig muss man die Dosis der Substanz mit der Zeit immer mehr steigern, um denselben Effekt zu erhalten (Toleranzentwicklung). Die Mechanismen im Gehirn sind bei Glücksspielsucht wie auch Substanzabhängigkeit ähnlich.


Die Rolle von Fast-Gewinnen
Untersuchungen haben gezeigt, dass Fast-Gewinne im Gehirn dieselben Regionen stimulieren, welche auch Gewinne aktivieren. Unser Gehirn macht also keine grossen Unterschiede, ob man tatsächlich gewonnen hat oder nur knapp daneben lag. Glücksspielautomaten bedienen sich bspw. dieses Prinzips: Es werden immer wieder kleinere Gewinne ausgeschüttet, so dass man das Gefühl hat, fast gewonnen zu haben (es fehlte bspw. nur noch ein gleiches Symbol in der Reihe zum Gewinn).